Ein Weg durch Moria!

Wie soll ich anfangen? Ich habe lange überlegt ob ich, und wenn ja, wie ich dieses Ereignis beschreiben soll, das mein Leben verändert hat.

Besser ist wohl, wenn ich es der Reihe nach und vor allen Dingen von Anfang an erzähle!

Eigentlich fing alles ganz harmlos an. Es war ein Samstag Abend und ich war zu einer schwulen Party eingeladen. Ich war ziemlich happy, denn schliesslich war es meine erste richtige schwule Party. Zu dieser Zeit hatte ich eine ziemlich stürmische Phase in meinem ComingOut, den Kopf voller Ideale und Träume, war glücklich endlich (weil ich auf eine Party eingeladen wurde, Gott war ich naiv) von der Community akzeptiert zu werden - keiner konnte mir damals etwas anhaben.

Es war eine nette Party mit total netten Jungs und Männern, wir hatten viel Spass, hörten Musik, quatschten, tanzten und manche tranken etwas mehr als gut für sie war (ich übrigens nicht!). Es war eine Party, wie eine Party eben so zu sein hat. Ein Blickkontakt hier und einer da, hier ein bisschen geflirtet und da ein Auge zugekniffen. Wenn mich einer freundschaftlich in den Arm nahm, dann war ich ziemlich happy und fühlte mich geborgen. Ich habe natürlich mitgeflirtet und ich gehörte auch zu den Gästen, die die Nacht über da bleiben sollten/wollten, weil es zu weit nach Hause war.

Der Abend wurde später, die Stimmung gelöster und die ersten Jungs waren schon auf dem Weg nach Hause. Zwei Männer, mit denen ich die ganze Zeit immer mal wieder fröhlich geflirtet habe und bei denen es mich auch nicht gestört hat, wenn sie mich in den Arm nahmen, hatten sich für den Abend aber noch etwas vorgenommen.

Unglücklicherweise sollte ich dabei die Hauptrolle spielen.

Irgendwie hatten Sie wohl etwas falsch verstanden, aber vielleicht habe ich ja auch die falschen Signale gesendet (ich suche die Schuld immer noch bei mir).  Wir sind dann im Schlafzimmer gelandet und ich habe plötzlich ihre Hände an verschiedenen Stellen meines Körpers (meist zwischen meinen Beinen) gespürt. Zu diesem Zeitpunkt habe ich beschlossen "NEIN! Ich will nicht! NEIN! Bitte hört auf! Ich mag das nicht! NEIN!". Sie wollten aber nicht aufhören und hielten meine Gegenwehr vielleicht für einen Teil (m)eines Spiels. Sie versuchten mich auszuziehen und ich bin lauter geworden. Ich wollte die Jungs im Wohnzimmer auf mich aufmerksam machen. Ich habe versucht mich zu wehren - körperliche Gewalt gegen körperliche Gewalt. Vielleicht haben Sie es immer noch für ein Spiel gehalten. Ich habe angefangen mich mit allem zu wehren was ich hatte, schlagen, kratzen, beissen und treten, aber ich habe keine Chance mehr gehabt. Sie haben mich dann einfach geschlagen, mit der Faust ins Gesicht und auf den Körper, solange bis ich still war und mich nicht mehr gewehrt habe. Ich hatte Angst, dass noch mehr passieren könnte. Ich dachte damals "Wehr Dich nicht mehr, dann hört es von alleine auf!". Das war einer der fatalsten Irrtümer in einer ganzen Kette von Irrtümern und Fehlern. Nachdem ich mich nicht mehr gewehrt habe, haben beide angefangen mich zu vergewaltigen. Einfach so, ohne Kondom, einfach so, nacheinander, einer hat mich festgehalten, der andere hat mich gefickt und dann umgekehrt. Brutal, ohne Rücksicht auf mich und einfach nur im Rausch des eigenen Orgasmus bis zum Ende.

Im Wohnzimmer nebenan haben Sie scheinbar oder angeblich nichts gemerkt.

Ich weiss nicht mehr wie lange es gedauert hat, aber es kam mir endlos vor. Irgendwann lag ich dann alleine auf dem Boden, habe geblutet wie ein Schwein und war mir nicht mehr sicher ob ich wirklich noch lebe. Ich habe nicht mehr viel gedacht, sondern mich notdürftig sauber gemacht und bin einfach raus. Die peinliche Stille und die verlegenen Blicke im Wohnzimmer habe ich jetzt immer noch vor mir, so als ob es gestern war. Ich bin dann ins Krankenhaus und hatte die Hoffnung, dass es da jetzt zu Ende sein müsste. Leider ging es da weiter, denn der Arzt wollte wissen, was mir passiert ist. Alles nur für seinen Bericht. Da sass ich dann, 18 Jahre, ein Junge, gerade frisch vergewaltigt und musste dem erstaunten Arzt erklären was passiert ist. Ich habe mich so endlos erniedrigt gefühlt. Eigentlich war ich doch ein kleiner Junge mit endlosen Schmerzen und wollte nur noch schlafen und vergessen. Trotzdem musste ich einem übermüdeten und genervten Bereitschaftsarzt für seinen Bericht alles (fast alles) erzählen, was ich gerade überlebt hatte - solange bis er dann noch meinte, dass ich ja auch nicht ganz unschuldig an dem Ergebnis sein könnte und nicht immer nur die anderen Jungs die bösen Jungs sein können.

Seltsamerweise ging auch diese Nacht vorbei. Es gingen auch die Stunden und Tage und Wochen und vor allen Dingen die Nächte voller Angst vor den Ergebnissen meiner Blutuntersuchungen vorbei. Sie haben mich nicht nur vergewaltigt, sondern mir auch die grosse Chance auf eine Infektion mit HIV gegeben. Ich bin 4 Mal im Abstand von 4 Wochen beim Gesundheitsamt gewesen und habe mein Blut untersuchen lassen. Erst nach 4 Monaten war ich sicher zumindest auf diesem Gebiet überlebt zu haben.

Ich habe lange Zeit mit niemandem darüber geredet. Mit meinen Eltern konnte ich nicht darüber sprechen (Das war, wie meine sich immer schneller entwickelnde familiäre Lebensgeschichte gezeigt hat, auch ganz gut so!). Sonst gab es niemandem, dem ich das hätte erzählen wollen. Also habe ich versucht es mit mir selber auszumachen. Das hat leider nicht geklappt.

Im Laufe der nächsten 12 Monate habe ich zweimal versucht mich umzubringen. Die Tatsache, dass ich heute hier noch schreiben kann macht wohl klar, dass es beide Male nicht geklappt hat. Mein erster Selbstmordversuch war eigentlich direkt nach dem ersten HIV Test. Ich wollte das Ergebnis nicht mehr wissen, es war nicht mehr wichtig, denn ich wollte eh nicht mehr weiterleben - wozu denn auch? Ich war sicher damit nicht mehr leben zu können (wollen) und niemals mehr Vertrauen zu einem Mann haben zu können (wollen). Also wozu dann noch leben? Nicht, dass ich mich damals zu dumm angestellt habe, nein, im entscheidenen Augenblick hat mich etwas zurückgehalten. Frag mich was es war, ich weiss es nicht mehr. Beim zweiten Mal war ich auf jeden Fall besser, auch wenn es schon wieder nicht geklappt hat.

Mein Freund Jörg war der erste Mensch mit dem ich darüber gesprochen habe. Er war auch der erste Mensch, dem ich wieder soviel vertraut habe, dass ich es ihm erzählen konnte. Jörg war noch mehr für mich, er war nicht mein Therapeut, aber er hat mir das Gefühl gegeben anderen Menschen wieder bedingungslos vertrauen zu können (zumindest ausgesuchten Menschen).

Ja und jetzt bin ich eigentlich am Ende, ein bisschen leer im Kopf und ein bisschen nachdenklich. Ich habe es wieder ganz dicht an mich herangelassen, mit allen Konsequenzen. Ich habe aber auch beim Schreiben gemerkt, dass es mich stärker gemacht hat.

Meine Alpträume haben etwas nachgelassen, auch wenn sie nie ganz verschwunden sind.

Dezember 2002:
Ich habe es überlebt, aber nicht vergessen. Heute kann ich (wenn ich will)  darüber reden, schreiben und nachdenken ... und das ist auch gut so, denn verdrängen war der falsche Weg. Es war mein Dämon und ich musste mich stellen um zu überleben.

Ach ja ... ich kokketiere nicht mit meiner Geschichte und ich habe es nicht aufgeschrieben um mich interessanter zu machen oder mich in einen Mittelpunkt zu stellen. Es ist passiert und damit Teil meines Lebens. Daher gehört es ebenso zu mir wie mein Foto, wie meine Hobbys und wie das was ich gerne mache. Es macht ein Bild von mir vollständiger.

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